HomeUnternehmenAktuellKontaktStiftung SABEL
 
Home
Reisebericht aus Mali zum Modeprojekt "Mode Sup"  
 

(01. bis 17. Juni 2007)


Es war eine ganz besondere Erfahrung, als Designlehrerin für 17 Tage afrikanische Schneiderschüler in Bamako, der malischen Hauptstadt und Textilmetropole zu unterrichten.



Durch das Projekt »WeltGewänder« der Deutschen Welthungerhilfe,
an dem die BEST-Sabel-Berufsfachschule für Design teilnahm, lernte ich
die malische Modedesignerin Mimi Konaté kennen. Ich wurde spontan
eingeladen, im Rahmen des Fortbildungsprojektes »Mode Sup« die
Grundlagen des Designs zu vermitteln.



Mimi Konaté gilt in Mali als Ausnahmeerscheinung. Sie ist 36 Jahre alt, Modedesignerin, Muslimin, ist unverheiratet und kinderlos. Sie lebt in
einem kleinen Appartement mit europäischem Standard. Zum Innenhof
schließen sich die Wohnungen ihrer Familie an. So auch ihr Atelier, in
dem sie drei Schneider beschäftigt. Hier lebt man in der Gemeinschaft. Individualismus oder gar verschlossene Türen sind nicht gerne gesehen.
Mimi beklagt das malische Bildungsniveau und die geringe Wertschätzung
des Schneiderberufs in ihrem Land. Deshalb hat sie sich zum Ziel gesetzt
die Ausbildungsqualität auf dem Modesektor zu verbessern und nun strebt
sie die Gründung einer Designfachschule an. Gestützt durch Fördermittel der Europäischen Union rief sie das Weiterbildungssprogramm »Mode Sup« ins
Leben. »Mode Sup« bedeutet demnach »Mode Supérieure«, eine »höher qualifizierte Mode«. In einer Zeit von zweieinhalb Wochen sollen 16
ausgewählte Schneiderschüler die Grundlagen des Designs kennenlernen.
Nach insgesamt sechs Wochen soll jeweils ein Tages- und ein Abendmodell
im Rahmen einer Modeschau vor einer Fachjury auf den Straßen Bamakos präsentiert werden.
Tief beeindruckt von diesem starken Engagement Mimi Konatés nahm ich mir vor, sie als Lehrerin in ihrer Intension zu unterstützen und ihr Engagement durch einen Spendenaufruf »Nähmaschinen für Mali« in Zusammenarbeit mit
der BEST-Sabel-Berufsfachschule für Design zu fördern.

Ich hatte das große Glück bei einer afrikanischen Familie zu leben und somit einen unmittelbaren Einblick in die malische Kultur zu erhalten, die mir unter normalen Umständen verwehrt geblieben wäre. Stark beeindruckt hat mich
die Freundlichkeit mit der ich als Europäerin empfangen wurde.
Schon nach zwei Tagen konnte ich meine Nachbarn auf Bambara begrüssen: »anisogoma«, das heißt »Guten Tag« hatte man mich gelehrt. Und so ging es weiter bis zum späten Abend: »anitile«, »aniula« und »anisu«. Auf meinem täglichen Weg zur nahe gelegenen Schule folgten mir neugierige Kinder mit strahlenden Augen und den Worten »tohowaboo«, »tohowaboo«. Zunächst dachte ich es wäre eine geheimnissvolle Kindersprache. Ich stimmte fröhlich
mit ein in die afrikanischen Klänge. Mimi lachte und erklärte mir, dass es »la Blanche« - »die Weiße« hieße. »Naja, das stimmt ja auch«, dachte ich, »und
der Kontrast ist schließlich nicht zu übersehen!«





So schritt ich zur Tat. Ich nannte mein Unterrichtskonzept »jeu de géométrie«. Mimi Konaté erklärte mir, dass Sprachbarrieren zu überwinden seien, da einige Schüler schlechte Französischkenntnisse hätten. Außerdem seien vier Analphabeten in der Gruppe. Dies erachtete ich nicht als problematisch, schließlich konnte ich mit Wandbildern arbeiten um Gestaltungsideen zu visualisieren. Die zeichnerische Unkenntnis der Absolventen musste ebenfalls im Konzept berücksichtigt werden.





Wir beschäftigten uns zunächst mit dem Proportionskanon des menschlichen Körpers und abstrahierten diesen mit Hilfe von geometrischen Grundformen.
Auf diese Körperarchitektur sollten nun geometrische Formen unter Berücksichtigung der proportionalen Ausgewogenheit übertragen werden.
Mimi Konaté übersetze stets meine französischen Interpretationen in die einheimische Sprache Bambara und so näherten sich die unterschiedlichen Kulturen einander an. Jeder lernte etwas dazu. Ich bekam Einblicke in die afrikanische Modekultur im Dialog mit den Schülern. Auch die Schüler konnten ihr Wissen über die eigene Tradition bis hin zu aktuellen Modetendenzen, afrikanischen und europäischem Design vertiefen. In der ästhetischen Interpretation ergibt sich eine Wechselwirkung zwischen traditionell ornamentalen Elementen, die bei den meisten Teilnehmern in die Gestaltung mit einfließen. Eine Annäherung an puristisch klare Formenspiele europäischer Schnittgestaltung ist längst vorhanden.







Intensive Gruppenbesprechungen nach Übungseinheiten sollten den Blick
und die Kritikfähigkeit des Einzelnen für ausgewogene und moderne Ästhetik schärfen.
Nach einer 8-tägigen Entwicklungsphase der ausgewogenen Kombination
von geometrischen Formen, wählten wir zwei Modelle aus, die realisiert wurden.





Unsere Stoffrecherche führte mich zum »grand marché«. Hier konnte ich mir einen Eindruck über die unerschöpfliche Farbenvielfalt ? und Dessinierungen von angebotenen Baumwoll- und Damastgeweben verschaffen. Einfarbige Gewebe gibt es nur als Grundgewebe, die man inidividuell einfärben lässt
oder in Kombination mit Allover-Dessinierungen erwirbt.
Es ist ein echtes Einkaufsmekka für jeden Modedesigner. Mimi Konaté bezieht auch ihre Stoffe von diesem Markt. Somit ist jedes Modell ein Original, und
keine homogen gefertigte Massenkonfektion. Nun hatte ich es begriffen: Die optimistische Farbigkeit der Textilien ist ein fester Bestandteil der afrikanischen Kultur. Dieser Eindruck verstärkte sich abermals durch den Besuch der berühmten Textilausstellung im »Musée National du Mali«. Es war für die Schüler der erste Besuch dieses Museums, und somit eine  Bereicherung
und Erweiterung des Horizonts.



Mit den neu gewonnen Erkenntnissen widmeten wir uns der Überarbeitung unserer individuellen Modellgestaltung. Wir erarbeiteten farbige Tableaus für die ausgewählten Abend- und Tagesmodelle in einer Ölkreide-Collagetechnik. Technische Zeichnungen wurden manuell hergestellt, um der nachfolgenden Schnittdozentin, der Berliner Modedesignerin Romy Klein, Informationen über technische Details zu vermitteln.







Apropos Kontraste ... gerade dieses spannungsreiche Spiel strahlender und leuchtender Farben auf prachtvoll geschmückten Gewändern hat mich als Modedesignerin stark beeindruckt. Hinzu gesellen sich elegante Bewegungen und die stolze Haltung von anmutigen Männern und Frauen, die mit ihrer Kleidkultur den Reichtum einer jahrtausendalten Tradition stilvoll präsentieren. Meist werden Traditionsgewänder, die »Boubous« von reiferen Menschen mit würdevollem Gestus zu festlichen Anlässen getragen. Ob nun zu einer Hochzeit, oder zu einem Geburtstag -  diese Gewänder aus edlem »Bazin« (einem Damastgewebe) betonen die natürliche Form der Selbstachtung. Dagegen verblasst man als Europäer. Es ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Tradition und Modernität im Habitus.

Globalisierungstendenzen zeichen sich auch ab. Auf den Strassen Bamakos zeigt sich ein kontrastreiches Form- und Farbenspiel von europäisierten Silhouetten im Mix mit traditioneller Ornamentalik. Junge Frauen tragen auch Jeans und körperbetonte Tops, die jedoch vornehmlich als Abendgarderobe geduldet werden.






Resumée

Diese spielerische Kreativität, mit der die Schüler aus wenigen Mitteln fantasievolle Ideen realisieren hat mich in dieser zweieinhalbwöchigen Auseinandersetzung fasziniert. Sicherlich ist diese Zeit zu kurz um alle Grundlagen nachhaltig zu vermitteln. Dennoch zeugte die durchgängige Lernbereitschaft der Schüler davon, bei den Teilnehmern ein Interesse
an ernsthafter Auseinandersetzung mit weiterführenden Lehrinhalten
geweckt zu haben.
Der Anfang ist gemacht. Die Schüler waren hochmotiviert ihren Kenntnisstand zu erweitern. Wir arbeiteten sogar Samstags um unsere Tableaux's noch vor meiner Abreise fertigzustellen. Ein Mitglied des malischen Fördervereins »PSIC« besuchte uns nach Beendigung dieser einleitenden Projektphase, und bedankte sich für den engagierten Einsatz. Der Förderung dieses Projekts zur weiterführenden Gründung einer ersten staatlichen Designschule steht nun nichts mehr im Wege.
Ich freue mich sehr diese positive Nachricht als Souvenir mit nach Berlin  bringen zu können.
Diese wertvolle Erfahrung hat mich in meinem Bestreben als Leiterin des Modebereichs der BEST-Sabel-Berufsfachschule für Design bestärkt unsere Schüler für die Wertschätzung fremder Kulturen zu sensibilisieren und mich
im Zuge dessen für den internationalen Schüleraustausch und für Praktikumsplätze einzusetzen.
Mein Ziel sehe ich darin, den Blick meiner Schüler für den Reichtum fremder Kultur- und Textiltraditionen zu öffnen, und diese Eindrücke durch den unmittelbaren Dialog authentisch und nachhaltig zu vermitteln.

Susanne Kreuz

Privatschule | Hochschule Berlin | Ausbildung Berlin | Impressum
© 1990-2008 BEST-Sabel-Bildungszentrum GmbH - Alle Rechte vorbehalten